Die Seele der Oberhafen-Kantine

Anita Haendel war die Tochter von Hermann Sparr, der die Oberhafen-Kantine 1925 bauen ließ. Er nahm die damals 12jährige Anita von der Schule, sie sollte in der Küche mithelfen. Daraus wurden 72 Jahre, in denen der Betrieb nicht ein einziges Mal unterbrochen war. Bis zum Schluss stand Anita selbst in der Küche. In einer Reportage von 1996 beschreibt Alexander Smoltczyk in der Hamburger Morgenpost die Frau, ohne die es die Oberhafen-Kantine nicht mehr gäbe.

„Die Frau ist immer in Bewegung, jede Rechnung wird nachgerechnet und auf den Pfennig genau bezahlt, jeder Teller per Hand abgewaschen und jede Kartoffel eigenhändig geschält. So war das immer, und die Leute am Oberhafen wissen, dass morgens um fünf der Kaffee fertig ist, und es Brötchen gibt mit Käse oder Mett. Bei Frühschicht nimmt Anita die erste S-Bahn um 4.28 Uhr ab Wellingsbüttel, und wenn sie Spätschicht hat und die letzten Gäste trotz Schieflage den Ausgang nicht finden, ist es manchmal zwei Uhr, bis sie in den Federn ist. Da bleibt keine Gicht an den Knochen hängen. Aber sie hat auch die Statur für so ein Leben. Wer schon immer in der Oberhafenkantine saß, also eigentlich jeder, weiß noch, wie Anita noch vor zwanzig Jahren den Handstand auf einem Kneipenstuhl machte. Handstand! (...)

Durch die Kantinenfenster hat Anita einen Gutteil von Hamburgs Geschichte gesehen. Das war wie ein Logenplatz. Sie weiß noch, wie die Gemüseschuten vom Alten Land anlegten, und wie die Vierländerinnen in Trachten herumliefen, wie die Droschken zur Milchrampe fuhren, um die Züge zu entladen. Anita reichte Tag für Tag Mettwurstbrote durchs Kantinenfenster und knetete Frikadellen. Dann kam der Krieg. Die Bomben fielen immer knapp an der Kantine vorbei, nur die Butzenscheiben flogen heraus. (...) Nach dem Krieg tauschte sie, was zu tauschen war, und hungerte, wie alle hungerten – Hauptsache, die Kantine war morgens geöffnet. (...)

‚Seit 70 Jahren wissen die Ladearbeiter, dass es hier morgens um fünf frischen Kaffee gibt und Frikadellen und auch ein’n Lütten fürs Ende der Nachtschicht. Und was 70 Jahre läuft, muss auch das 71. hinhauen', sagt Anita. Das hat nichts mit Heimatfolklore zu tun. Das ist einfach so.“

1997, einen Tag vor ihrem 84. Geburtstag, ist Anita Haendel gestorben.