Schief, aber aufrecht

Der Hamburger Hafen ist kein Freilichtmuseum. Wer zuletzt vor 20 Jahren da war, wird ihn kaum wieder erkennen, und wer in 20 Jahren wiederkommt, erst recht nicht. Hier wächst die Hafencity, Europas größtes Stadtplanungsprojekt, das Signal einer reichen Handelsmetropole an die Welt – ein wahrhaft gewaltiges Vorhaben.

Und dann steht da, ein wenig ab vom Schuss, dieses schiefe Häuschen wie ein auf der Kaimauer gestrandeter Kahn. Seit 1925 steht es da, hat die Bombennächte des Weltkriegs überlebt, die Verheerungen an der historischen Bausubstanz während des Wirtschaftswunders. Und etliche Hochwasser, manchmal stand die Elbe bis zur Unterkante der Theke. Schwer Schlagseite hat das Häuschen bekommen, aber umgekippt oder auseinander gefallen ist es nicht. Ja, nicht einmal die Herrscher eines mächtigen, selbstherrlichen Logistik-Konzerns namens Deutsche Bahn, denen der schiefe Bau bei der Verbreiterung ihrer Brücke im Weg war, konnten es schleifen. Jetzt verläuft die Brücke nur wenige Zentimeter von der Regenrinne entfernt.

Das Häuschen blieb stehen und steht da immer noch: schief, aber aufrecht. Das ist ein bisschen überraschend. Von mehr als 20 Kaffeeklappen, die es einst im Hamburger Hafen gab, ist es die letzte. Schwein gehabt. Offenbar stand diese keinem Wirtschaftspolitiker oder Investor im Weg, die sich mit einem Häuschen, in dem seit 1925 Kaffee und Frikadellen serviert werden, erfahrungsgemäß nicht lange aufhalten. Und so werden hier immer noch Kaffee und Frikadellen serviert. Das ist eigentlich keine große Sache und trotzdem irgendwie tröstlich. Ein schönes Gefühl. Wir nennen es: Heimat.